Brief von Florian PDF Drucken E-Mail

Im folgenden Brief vom Oktober 2007 beschreibt Florian einer Ärztin seine Situation.

Was beschäftigt Sie nach dem Lesen dieser Zeilen? Gedanken, welche Sie uns über das Feedback-Formular zustellen, werden an dieser Stelle regelmässig veröffentlicht.


Sehr geehrte Frau Doktor

Wie Sie bereits erfahren haben, hatte ich vor rund 10 Jahren einen schwerwiegenden Verkehrsunfall. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich nicht abschätzen, welche Konsequenzen dieser Schicksalsschlag für mein weiteres Leben mit sich bringen würde. Heute lebe ich täglich mit den Schmerzen und den Einschränkungen aufgrund des Unfalls und der Angst, die eigentlich selbstverständlichen Aufgaben des Alltags nicht bewältigen zu können.

Ich habe im Laufe der Zeit gemerkt, wie wichtig klare Strukturen für mich sind. Dies beginnt schon am Morgen früh, wenn ich aufstehe. Die zu erledigenden Tätigkeiten sind exakt geplant

Durch diese Strukturen erhalte ich eine Sicherheit und es gelingt mir weniger zu vergessen. Unvorhersehbare Ereignisse, sind für mich eine grosse Herausforderung. (...)

Das Allerschlimmste für mich sind Stresssituationen. (...) Vor allem bei der Arbeit passiert es mir oft, dass ich ohne Hilfe von aussen nicht klar komme. Jeden Tag passieren mir Fehler, weil meine Konzentrationsfähigkeit nicht ausreicht, um die anstehende Arbeit zu erledigen. (...)

Der Konsum von unzähligen Energydrinks während der Arbeit, hilft mir meine Aufgaben zu bewältigen. Ich bin mir bewusst, dass auch meine Ernährung eher ungesund ist

(...) Das Gefühl den Ansprüchen der Gesellschaft nicht immer zu genügen belastet mich sehr. Am Schwierigsten aber ist es für mich selber zu merken, dass meine Fähigkeiten nicht ausreichen um meinen eigenen Ansprüchen zu genügen. Die Belastung bei der Arbeit und die stetige Überforderung ermüden mich sehr. Abends bin ich ausgelaugt und fühle mich leer, auch mit dem Wissen, den ganzen Tag nichts erreicht zu haben.

(...) Durch die Belastung des Alltags und den Stress bekomme ich Kopfschmerzen. Auch das Wetter hat einen Einfluss auf meine physische Befindlichkeit. Nur sehr, sehr selten habe ich fast keine Schmerzen. Regelmässig habe ich Schmerz in den Füssen, Waden, Knien, Hände, Kopf, Schulter und Herz.

(...) Im sozialen Bereich hat sich einiges verändert für mich. Ich war schon immer sehr offen und bin gerne auf andere zugegangen. Die Angst, wie andere Menschen auf mich reagieren könnten, hemmt mich sehr. Auch versuche ich meine Schwierigkeiten zu verbergen. Nur meine engsten Bekannten wissen über den Unfall Bescheid. Für mich ist es unheimlich schwer zu begreifen, was der Unfall alles verändert hat und mein Schicksal zu akzeptieren.

Der Blick in die Zukunft ist für mich sehr beängstigend. Denn ich kann mir nicht vorstellen, dass es so weitergehen kann. Alle meine Ziele und Träume kann ich nicht mehr verwirklichen wie ich es mir gewünscht hätte.

Der Aufenthalt in dieser Klinik war und ist für mich ein letzter Lichtblick. Ich habe die Hoffnung, dass mir hier, nach knapp 10 Jahren endlich geholfen werden kann und sich meine Situation verbessert.

Ich weiss noch nicht, wie die Hilfe aussehen könnte. Aber der momentane Zustand ist für mich nur sehr schwer zu ertragen.

(...)

Ich bedanke mich, dass Sie sich die Zeit nehmen, meine Worte zu lesen und hoffe Ihnen nochmals einen Einblick in meine Situation verschafft zu haben.

Mit freundlichen Grüssen

Florian