Reportage über Florian PDF Drucken E-Mail

 «Es kann jedem passieren»

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Florians Schicksal berührt. Bei einem unverschuldeten Unfall wird er schwer verletzt, seine Träume muss er begraben. Viele Jugendliche haben im Verkehrsunterricht den Bericht über Florian gesehen und Anteil genommen an seinem Schicksal. Wie geht es Florian heute?

Florian wird immer wieder auf der Strasse angesprochen – man kennt ihn aus dem Fernsehen, aus dem Verkehrsunterricht. Sein Schicksal lässt niemanden kalt. Völlig unverschuldet wird er am 10. Januar 1998 auf seinem Motorroller angefahren. 17 Knochenbrüche, ein schweres Schädel-Hirn-Trauma, während Wochen liegt er im Koma. Die Ärzte können Florian retten. Doch er ist nicht mehr der Florian, der er vor dem Unfall war. Seine linke Gesichtshälfte ist gelähmt, auf einem Ohr hört er nicht mehr, seine Gesichtszüge sind anders, durch die Hirnverletzung braucht er Rehabilitation. Seine Freundin verlässt ihn und seinen grössten Traum – Fliegen und Pilot werden – muss er aufgeben. Mit dem Unfall stirbt ein Teil von Florian – der unbeschwerte Teenager.

Die Zeit heilt Wunden, aber nicht alle Schmerzen. «Vor fünf Jahren, als der erste Film gedreht wurde, dachte ich, es würde stetig besser werden mit der Gesundheit.» Doch noch einmal fünf Jahre später, also insgesamt 10 Jahre nach dem Unfall, ist Florian noch nicht viel weiter. Die Schmerzen begleiten ihn täglich, der Druck, im Berufsalltag zu bestehen, ist immens. Menschen mit Schädel-Hirn-Verletzungen haben es schwerer, sich zu konzentrieren, ermüden schneller, brauchen mehr Erholung. Auch Florian. Und trotzdem arbeitete er 100 Prozent. Da er in einem normalen Arbeitstag nur halb so viel leisten kann wie ein gesunder Mitarbeiter, erhält er auch nur den halben Lohn. «Es ist hart, wenn man einfach nicht gleich viel leisten kann wie andere,» sagt Florian.

In den Jahren seit dem Unfall ist Florian am Kämpfen. Kämpfen gegen die Schmerzen, Kämpfen dafür, dass er mit dem kleinen Lohn leben kann, Ankämpfen gegen die düsteren Gedanken, die ihn begleiten. Ankämpfen gegen die ständige Müdigkeit. Schmerzmittel und Schlaftabletten sind seine ständigen Begleiter. Die Person, die ihm am nächsten steht, ist sein Vater. Als dieser überraschend stirbt, will auch Florian nicht mehr leben. Der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Florian plant den Suizid minutiös – nicht eingeplant ist die Freundin, die ihn zufälligerweise findet. Florian wird einmal mehr nur knapp vor dem Tod gerettet und weist sich freiwillig in die psychiatrische Klinik ein. Dort verbringt er drei Monate, erholt sich langsam, findet ins Leben zurück.

Die Unachtsamkeit eines Autofahrers zerstörte Florians Träume und macht sein Leben für Jahre – vielleicht für immer – schwierig. Erst seit wenigen Wochen schöpft Florian endlich wieder Hoffnung. Nach 10 Jahren kam ein erster Vorentscheid durch eine weitere sorgfältige Abklärung. Florian, so heisst es in dem Bericht der Epi-Klinik in Zürich, könne auf Grund seines Unfalls nur 40 Prozent arbeiten. Den Rest braucht er zur Erholung – um endlich leben zu können und nicht nur kämpfen zu müssen. Als Florian dies erzählt, kommen ihm die Tränen. «10 Jahre dauerte es, bis mir dies endlich zugestanden wird, 10 Jahre musste ich leiden – für nichts!»

Jetzt sieht Florian endlich eine Zukunft, die nicht nur düster ist. Ja, manchmal sprüht er gar vor Lebensfreude – und zwar, wenn er Tanzen geht. Oder wenn er Freunden hilft, Grossfeuerwerke zusammen zu bauen. Von Feuerwerken könnte er stundenlang erzählen. Den Traum vom Fliegen musste er mit dem Unfall begraben, ein schönes Feuerwerk selber zusammenstellen – das ist sein neuer Traum. «Wenn ein Feuerwerk perfekt gelingt, wenn man es dann am Himmel sieht – ja, dann denke ich, das Leben lohnt sich wirklich.» Diese Worte sind neu für Florian. 10 Jahre lang war er jeden Tag mit den negativen Aspekten seines Unfalls konfrontiert gewesen, erst jetzt, ganz langsam kann er sich davon erholen und neuen Lebensmut schöpfen.