Reportage über Angela PDF Drucken E-Mail

«Es kann jedem passieren»

 alt
  


Ein schwerer Unfall? Das passiert vielleicht jemand anderem, aber nicht mir. So dachte auch Angela. Bis zu dem Tag, als eine Velofahrerin direkt in Angelas Auto fährt – und Angelas Leben für lange Zeit zum Alptraum wird.

«Wir dachten - wir hofften, sie lebe noch. Ihr Arm zuckte noch.» Auch zwei Jahre nach dem Unfall ist es für Angela nicht einfach, darüber zu sprechen. «Sie verlor so viel Blut und ich war in Panik.» In Sekundenbruchteilen änderte sich Angelas Leben. Gerade ist sie noch unbeschwert im Auto mit ihrer Kollegin Richtung ‚Badi’ unterwegs. Angela fährt korrekt, nicht zu schnell. Auf der rechten Strassenseite ist eine Velofahrerin, ein 13jähriges Mädchen. Sie trägt keinen Velohelm. Plötzlich biegt das Mädchen links ab, will offenbar zu ihrer Kollegin, die auf der anderen Strassenseite auf dem Veloweg fährt. Das Mädchen macht keine Handzeichen, schaut nicht zurück – und fährt direkt in Angelas Auto. Angela bremst sofort, kann den Unfall aber nicht verhindern. Das Mädchen wird auf die andere Strassenseite geschleudert – und ist sofort tot.

Angelas Kollegin, eine Pflegefachangestellte, leistet erste Hilfe. Die Ambulanz und die Polizei treffen nach etwa 15 Minuten ein. 15 Minuten, die für Angela wie Stunden scheinen. Für Angela beginnt ein Alptraum. Ein junges Mädchen stirbt, weil sie in Angelas Auto prallt. Wer ist schuld? Gibt es eine Schuldige? Warum war ich genau in dieser Sekunde da? Warum wollte ich in die ‚Badi’, warum nicht eine halbe Stunde früher oder später? Warum fuhr das Mädchen nicht auf dem Veloweg? Warum trug sie keinen Helm, hat sie wirklich kein Zeichen gegeben, hat sie wirklich nicht zurückgeschaut? Ständig stellt sich Angela solche Fragen. Sie kann nach dem Unfall nicht mehr schlafen, sie erlebt so genannte Flashbacks: «Wenn ich zum Beispiel eine Ambulanz hörte, habe ich das Gefühl, wieder im Unfallgeschehen drin zu sein.» 

Angela hatte soeben ihre kaufmännische Lehre abgeschlossen und wollte ein Praktikum beginnen, sich zur Sozialpädagogin weiterbilden. Sie wird nach dem Unfall aber komplett arbeitsunfähig, muss später gar für drei Monate in die stationäre psychiatrische Behandlung, um den Unfall zu verarbeiten. Es fällt ihr schwer, nach dem Unfall wieder im Leben Tritt zu fassen. Was ihr hilft, sind Briefe an das verunfallte Mädchen. Sie schreibt ihr oft, erzählt ihr aus dem Leben, sagt ihr, wie Leid es ihr tut. Sie geht oft an die Unfallstelle, legt ihr Blumen hin, zündet für das Mädchen eine Kerze an. «Ich spüre eine Kraft, ich spüre, wie sie mir hilft, das alles durchzustehen.» Angela spürt, dass das Mädchen sie nicht als schuldig empfindet. Auch die Zeugenaussagen sind eindeutig. Zwei Personen sagen aus, dass das Mädchen auf dem Velo plötzlich abbog, ohne Blick zurück und ohne Handzeichen zu geben. Trotzdem ist Angela angeklagt, der Unfall ist ein Offizialdelikt. Aber auch zwei Jahre nach dem Unfall hat sie noch keinen Bescheid, noch keinen Termin beim Richter. «Jeden Tag, wenn ich zum Briefkasten gehe, hoffe ich, Bescheid zu erhalten.» 

In den zwei Jahren rappelt sich Angela langsam auf. Sie geht noch immer regelmässig in die Gesprächstherapie. Über den Unfall zu sprechen hilft ihr. Langsam klingen die Flashbacks ab, langsam kann sie wieder schlafen. Sie nimmt das Praktikum wieder auf und gründet eine Selbsthilfegruppe für Unfallverursacher. Sie spricht zu den Medien, steht mit Namen und Gesicht zum Unfall – als eine der wenigen. «Für mich ist es wichtig, darüber zu sprechen.» Und: «Was mir passierte, kann jedem passieren – man hofft einfach immer, dass es einem nicht passiert.» Angela hat gelernt, mit dem Unfall und den Folgen zu leben. Das Geschehene wird sie aber nie vergessen können.