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«Die Weichen neu gestellt»
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Chris ist mit seinem Bike unterwegs. Er ist schnell, geniesst die Sonne, den Fahrtwind. Chris ist ein begeisterter Sportler, tritt kräftig in die Pedale. Er tut dies mit der Kraft seiner Arme und Hände. Chris fährt heute ein Handbike. Bei seiner letzten Fahrt mit dem Motorrad vor zwanzig Jahren verlor er sein linkes Bein.
Es hätte ein Kurzurlaub sein sollen, der letzte vor den Maturaprüfungen. Die Rückfahrt veränderte Chris’ Leben für immer. Er fuhr mit dem Motorrad über den San Bernardino zurück aus dem Tessin in die Deutschschweiz.
Beinahe zwanzig Jahre nach dem Unfall sieht Chris die Fotos seines Unfalls zum ersten Mal. Er ist geschockt – und gerührt. Die Aufbewahrungspflicht für die Fotos ist längst vorbei. Ein Polizist aus dem Kanton Graubünden hat die Unfall-Fotos aber aufbewahrt – denn es war der erste Verkehrsunfall, den der Polizist damals bearbeitete. Die Schwarzweiss-Bilder zeigen das schwer demolierte Motorrad und Blut am Boden. Chris hat in den letzten zwanzig Jahren nie nach dem genauen Unfallhergang oder nach Fotos gefragt. Er hatte genug zu kämpfen, um vorwärts zu schauen und sich durchs Leben zu kämpfen. Sein Motorradunfall und die ersten Jahre in der Rehabilitation liegen für ihn fast ganz im Dunkeln.
«Der Unfall ist klar selbstverschuldet – wie es genau passierte, weiss ich nicht. Ich habe praktisch keine Erinnerung daran.» Chris stürzte auf der Passtrasse, das Motorrad liegt auf ihm, er ist auf der falschen Strassenseite und wird von einer korrekt fahrenden Autofahrerin angefahren. Bei diesem Unfall verliert er ein Bein und erleidet ein schweres Schädelhirn-Trauma. Dies kurz vor der Matur, wenige Wochen bevor er seine Ausbildung als Sportlehrer beginnen wollte – die Prüfung dazu hat er bereits mit Bravour bestanden. Ein Traum platzt auf der Passtrasse des San Bernardino. Eine kurze Sekunde der Unaufmerksamkeit vielleicht – oder war sein Motorrad auf etwas ausgerutscht?
Chris liegt wegen des schweren Schädel-Hirntraumas einige Wochen im Koma. Später kommt er in die Rehabilitationsklinik Bellikon. Hier arbeitet er an den Defiziten, welche die Hirnverletzung mit sich brachten. Und hier muss er wieder gehen lernen, mit der Beinprothese. Eine schwierige Zeit – Chris lernt gehen, ist aber auch auf den Rollstuhl angewiesen. «Man rehabilitierte meinen Körper, nicht aber meine durch den Unfall angeschlagene Psyche.» Chris leidet, einige Male denkt er an Selbstmord. Aber Chris ist eine Kämpfernatur – «ein Stehaufmännchen», wie er sich selbst nennt. Hilfe bei seinem Kampf zurück ins Leben erhält er durch seinen Glauben an Gott und an Jesus. Hier findet er Halt und den Mut, den schwierigen Weg zu gehen. Und er merkt, dass der Unfall auch Gutes hatte. «Ich wurde zu einem anderen Menschen, auch wenn es mich beinahe Kopf und Kragen kostete». Vor dem Unfall lebte Chris auf der Überholspur. Zwar war er gut in der Schule, aber er experimentierte mit Drogen und machte sich wenige Gedanken über die Zukunft.
Zwanzig Jahre nach dem Unfall blickt er zurück auf die Fotos des Unfalls. «Vor 20 Jahren hat mich das Schicksal gezwungen, andere Wege einzuschlagen.» Kein geradliniger Weg. Operationen, Schmerzen, abgebrochene Ausbildungen, eine Ausbildung zum KV-Angestellten, aber keine freie Stelle für den Behinderten. Seine erste Ehe scheitert. Chris hadert nicht mit seinem Schicksal, versucht im Schlechten immer etwas Gutes zu finden. Dank seinem christlichen Glauben, dank seinem Sohn aus erster Ehe und seiner zweiten Frau geht es ihm heute gut. Er freut sich auf das, was sein Leben bringt und noch bringen mag. Berufliche Erfüllung findet er im Unterrichten von Nachhilfeschülern und schöne Momente erlebt er auf Reisen. Oder wenn er gemeinsam mit seiner ebenfalls auf den Rollstuhl angewiesene Frau Karin Handbike-Touren unternimmt.
Zufrieden kehrt Chris von seiner Handbike-Tour durchs Quartier zurück. Während er sein Bike in die Garage stellt, meint er: «Was immer auch kommen wird, ich gehe vorwärts und gebe nicht auf».
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